Mit der Geburt meiner zweiten Tochter Lena, habe ich unbekannte Landschaften betreten. Sie hat ein sehr seltenes Mosaiksyndrom, ein kleines Genärmchen zu viel und schon ist alles anders. Wie vielfältig Menschen sein können und was ein Leben ausmacht und was uns eigentlich berechtigt zu urteilen, welches Leben wie erfüllt zu bezeichnen ist, all das hat unser Leben und das der ganzen Familie besonders bereichert. Lena hat mir das Lieben gelehrt. Ich bin ihr dafür sehr dankbar.

Als die beiden jüngeren Geschwisterkinder heranwuchsen und in ein Alter kamen, da sie Selbständigkeiten entwickelten, sind in mir auch Wünsche der Freiheiten gekeimt. Lena war inzwischen 12 Jahre alt und ich war weiterhin in die tägliche Pflege unausweichlich eingebunden. Erst jetzt fiel es mir so richtig auf, dass befreundete Eltern nach einem späten Abend einfach länger auschlafen konnten, oder ihre Kinder außerhäusig übernachteten und sie plötzlich einen zweisamen Vormittag als Paar verbringen konnten. Auch ging mir der Satz, den ich meinen anderen Kindern zu oft sagen musste : „ich hab jetzt keine Zeit, ich muss noch dies oder jenes für/mit Lena ….“ schmerzlich auf die Nerven.

Ich stellte mir vor, dass Lena einen Ort außerhalb ihres Elternhauses erleben sollte, wo sie sich gerne aufhält, wo sie Beziehungen zu anderen Kindern und Erwachsenen aufbauen kann, so, wie ihre Geschwister das auch tun, im Freundeskreis in Sportvereinen. Nur kann sie sich eben nicht selber dazu entscheiden und in Aktion treten, um einen solchen Ort zu finden. Und außerdem stellte ich mir vor, dass, wenn ein Wochenende im Monat keine Pflege meinen Alltag bestimmt, ich spontane Aktivitäten mit den anderen Kindern unternehmen könnte, meine Zeit frei einteilen könnte, ich auch wieder mehr Freude haben würde, mich um Lena zu kümmern.

Zu meinem entsetzten Erstaunen gibt es in Berlin einen solchen Ort nicht. Wie kann das sein? Habe nur ich diese Wünsche? Was machen all die anderen pflegenden Eltern?

So habe ich eine Umfrage in einigen Förderschulen gestartet und habe viele Eltern gesprochen, die ihr Leben der Pflege des Kindes vollkommen angepasst haben, Unglaubliches leisten und sich dennoch nicht trauen, zugestehen, eine Pause haben zu wollen. Einige habe ich natürlich auch kennengelernt, die sich aus Überlastung und Erschöpfung entschieden haben, das Kind in eine Wohngruppe zu geben und nach Jahren noch täglich mit der Entscheidung hadern. Eigentlich wollte ich ja nur eine kleine Pause haben, aber mit diesen Erkenntnissen habe ich gedacht: wenn es einen solchen Ort nicht gibt, dann muss ICH ihn eben schaffen.

Zu meinem Glück hat der Zufall Ieva Berzina-Hersel in mein Leben gespült und so konnte ich mir vorstellen, dieses große, wichtige Projekt tatsächlich zu stemmen und mit ihr zusammen erfolgreich umzusetzen.

Das war im Frühsommer 2019. Seit November gibt es den anerkannten Verein einePause e.V. und ich widme mehr freie Zeit, als ich eigentlich habe, der Umsetzung des „PauseHauses“ und freue mich über jeden kleinen Fortschritt, den wir erreichen und über all die tollen Menschen, die uns bisher unterstützt haben.

Wie bin ich zu der Idee des „PauseHauses“ gekommen und warum brauchen wir eins